Greet mit einem Blinden


Greeter Hartmut traf den blinden Walter: für beide ein ganz besonderes Erlebnis

Greeter Hartmut schreibt dazu: „Ich hatte einen Greet durch St.Pauli – mit einem Blinden! und seiner Begleiterin.

Landungsbrücken, Wasser, Schiffe, gegenüber der Hafen, „laut“ – dann die Treppe hoch zu dem schönen Weg oben entlang bis zur Davidstraße. Ruhig. Ruhige Zone Brauereiviertel und dann „plötzlich“ Reeperbahn – laut, Hektik. Reeperbahn beschreiben, Spielbudenplatz, Baustelle Essotankstelle etc.

Dann zum Hein-Köllisch-Platz- Ruhe. Nur 300 Meter von der Reeperbahn entfernt. Walter meinte später, dass er hier eine ganz andere Atmosphäre gespürt hat, wo er sich wohl fühlte. Ich fand es jedenfalls faszinierend, wie ein Blinder Eindrücke fühlt und einsortiert.

An der Herbertstraße „erfühlte“ er dann die Eisenwand davor und den Durchgang. Mehr Anfühlen in der Herbertstraße hatte ich nicht im Programm :-)) Richtig „ertastet“ hat er auch die eiserne alte Grenzsäule zwischen Dänemark und Hamburg an der Reeperbahn. Es ist schon erstaunlich, dass selbst Hamburger, die oft dran vorbei laufen, sie nicht wahrnehmen!

Wir waren gut 4 Stunden unterwegs, incl. Essen bei Nico, dem Griechen gegenüber vom St.Pauli Museum. Das war sehr interessant für mich, ganz anders zu denken und zu erzählen – zu beschreiben. Eine tolle Erfahrung für mich. Er musste dann auch Pipi, als wir im Monopol Kaffee tranken, wohin ich ihn dann begleitet habe. Man beschreibt, wie es dort „aussieht“, wo Pissoir und Waschbecken sind, er tastet es mit dem Stock ab und kommt dann alleine zurecht. Interessant: am Waschbecken greift er dann oben an die Seite, wo wohl oft der Papierhandtuchspender hängt. Leider nicht immer, selbst wenn Platz wäre. Das sind so Dinge, über die man selbst nie nachdenkt. Jetzt aber nochmal Pipi an den Landungsbrücken. Aber wo, ohne Gast irgendwo zu sein? Ich fragte im Block Bräu und man war super nett und zeigte uns den Weg zum Behindertenklo. Hut ab, super Service.

Landungsbrücken und Elbphilharmonie sind nicht illuminiert, habe ich Walter erzählt. Was sagt ein Blinder, dem es egal sein könnte? Wenn ich sehen könnte, müssten sie „strahlen“, nach unserem Rundgang sind sie die die Eckpunkte zwischen Reeperbahn und Hafen. Ich glaube, ich habe ihm St.Pauli offensichtlich ganz gut geschildert und nahe gebracht. Klar auch mit all den Geschichten und Geschichtchen. Gehört ja dazu, auch um alles zu verstehen und den Wandel nachvollziehen zu können. St.Pauli ist nicht nur zu sehen, sondern zu verstehen. Auch wenn man blind ist, ist man ja nicht blind für Eindrücke, Gerüche, Geräuschpegel und Atmosphäre. Also es war toll und ich habe viel gelernt.

Gast Walter schrieb uns: Wie kann man sich ein Bild von einer Stadt machen, die man nicht sehen kann? Ich bin blind und hatte spontan die Gelegenheit, mit dem „Greeter“ Hartmut und meiner Begleitung Gisela am 20.09.16 in den Abendstunden eine Führung rund um die Landungsbrücken und die Reeperbahn machen zu können. Hartmut hatte sich schnell darauf eingestellt, dass es bei mir insbesondere um das Hören und Tasten geht. Mit bildhaften, ausdrucksvollen Beschreibungen, versuchte er mir die vielen Fassetten „seines St. Paulis“ näher zu bringen, und ich glaube, dass es ihm gelungen ist. Verblüffend war beispielsweise auch, dass man in eine völlig andere Welt eintaucht, wenn man das „bunte Treiben“ auf der Reeperbahn über eine kleine Nebenstraße nur wenige Meter weit verlässt. Die Atmosphäre dieses Stadtteils in einem Straßencafé auf der Reeperbahn oder bei einem Zwischenstopp bei einem „Griechen“ zu erfahren, gehörte genauso dazu.

Ich kann nur all die anderen „Greeter“ ermutigen, sich auch auf eine solche Begegnung mit Touristen mit Handicap ein zu lassen.

Ich bin mir sicher, dass ich durch diesen individuellen Stadtspaziergang mit einem „Greeter“ bleibende Erfahrungen machen konnte, die bei einer konventionellen Führung nicht möglich gewesen wären. Vielen Dank an Hartmut und an all die Organisierenden im Hintergrund. Walter K.