Reeperbahn/St. Pauli erkunden mit Greetern

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Die Reeperbahn ist sicher die bekannteste Straße Hamburgs, aber St. Pauli ist viel mehr. Unser Greeter Hartmut erzählt davon.
St. Pauli gehört zum Bezirk Hamburg Mitte, hat rund 22.000 Einwohner und ist heute, jedenfalls um die Reeperbahn herum, das Vergnügungs- und Unterhaltungsviertel Hamburgs mit bis zu 120.000 Besuchern an Wochenenden. Aber es gibt gottseidank auch noch die vielen bunten Vögel und St. Paulianer, die ihr Leben so leben, wie sie es mögen; vielleicht begafft oder belächelt von Kiezbesuchern, aber offen und tolerant. Sie sind jedenfalls besser als die Gäste, die schon betrunken kommen und sich so benehmen, wie sie es sich „zu Hause“ nicht trauen würden.
Ein St. Pauli Greet – eine Führung der besonderen Art – ist eine Möglichkeit, die Reeperbahn und St. Pauli mit den Hamburg Greetern zu erkunden und einen Querschnitt durch die personelle Zusammensetzung unserer Gesellschaft zu erleben. Laut und bunt – aber auch gleich neben der Reeperbahn beschaulich, familiär, ruhig und kreativ. Diesen Bereich sollte man unbedingt auch erleben.

Auf der Reeperbahn tags um halb eins…

Wir hatten einen super interessanten Spaziergang über Sankt Pauli. Natürlich war auch die Reeperbahn dabei. Viel beeindruckender waren aber die ganzen Seitenstraßen, durch die wir mit unserem...

Zur Ritze im Rotlichtviertel

Wir haben ein paar schöne und sehr informative Stunden mit unserem Greeter Hartmut in St. Pauli verbracht. Ich selbst war schon öfter in Hamburg, habe durch Hartmut für mich wieder Neues von Hamburg...

Im Herzen von St. Pauli

Reeperbahn Grenzpfahl - Foto: Hartmut Roderfeld

Wo alles herkommt

Wenn man die Reeperbahn in Richtung Westen geht, könnte man kurz vor dem Beatles Platz eine schwarze eiserne Säule erkennen, obwohl sie eigentlich kaum jemand wahrnimmt: frage sogar mal einen St. Paulianer danach. Dabei ist sie eines der letzten sichtbaren Zeichen der Trennung zwischen Hamburg und Altona, das in der Zeit zwischen 1664 und 1867 dänisch war und zeitweise nach Kopenhagen zur zweitgrößten Stadt Dänemarks heranwuchs. Nach der anschließenden Zugehörigkeit zu Schleswig-Holstein wurde Altona erst 1937 durch das „Groß-Hamburg-Gesetz“ zunächst Teil des „Landes“ Hamburg, verlor seinen Status als selbständige Gemeinde dann aber durch Eingemeindung in die „Stadt Hamburg“ am 1. April 1938.
Auf der anderen Seite der Grenze standen Hamburg und die „Pfeffersäcke“. Sie schickten alle Gewerbe, die „anrüchig“ waren oder zu viel Platz benötigten, hinter ihre Stadttore. So zum Beispiel neben dem Pesthof auch die Reepschläger, die die Taue für die Schiffe drehten und dafür ganz lange Bahnen brauchten. Daher der Name Reeperbahn. Damals hieß der Bereich vor den Toren noch Hamburger Berg. Eine Nebenstraße heißt heute noch so.
In die feine Stadt passten natürlich auch nicht die Vergnügungsbetriebe, Gaukler und die Prostitution. Die siedelten sich dann auf der Fläche bis Altona an: Spielbuden, Schausteller etc. – es entstand der Spielbudenplatz. Auch Hagenbeck war mit seinen Seehunden und „Völkerschauen“ (z.B. „Urmenschen“ wie Feuerländer, Hottentotten, Australneger und andere) vertreten. Spät nachts wurde dann auf dem Michel ins Horn geblasen – das hieß: die Hamburger Stadttore schließen in 15 Minuten. So entstand die „Torschlusspanik“, also Bier austrinken und noch schnell zurück und durchs Stadttor. Erst 1860 wurde die Torsperre aufgehoben.
Auf der Altonaer Seite war alles offen: Es gab kein Stadttor, nur eine Kette über die Straße, eben von der eisernen Säule zu einer zweiten auf der anderen Straßenseite. Und Altona war auch sonst offener, nämlich toleranter in religiösen und gewerblichen Angelegenheiten. Und so kommen die Straßennamen Große und Kleine Freiheit nicht, wie man heute annehmen könnte, von der sexuellen Freiheit oder Offenheit, sondern sie beziehen sich auf die damalige Religions- und Gewerbefreiheit in Altona.
Daher zeigt das Stadtwappen von Hamburg heute noch ein geschlossenes, das von Altona ein offenes Stadttor.
Reeperbahn Spielbudenplatz - Foto: Hartmut Roderfeld

Theater, Kunst und Kultur

Der Spielbudenplatz entwickelte sich nach Beendigung der Torsperre schnell zu einem Unterhaltungsmagnet auch für die „besseren“ Hamburger. Die Zeit der Holzbuden und Zelte war vorbei. Dieses Treiben erhielt einen festen Rahmen, als die Provisorien ab 1840 soliden Gewerbebauten weichen musste.
Von diesen „Neubauten“ ist heute nur noch das St. Pauli Theater erhalten, das früher das Urania Theater mit 1300 Sitzplätzen war, sowie eine rote Fassade daneben. Genau: nur eine „Fassade“, dahinter ist die Fläche leer. Ursprünglich befand sich hinter der Fassade das Konzerthaus „Die Neue Welt“, dann die „Amerika Bar“, und zuletzt ein Wellenbad. Wie so vieles in St.Pauli ist es ein Spekulationsobjekt geworden.
Wo der „Trichter“ vor dem Krieg war, entstand eine Bowlingbahn, und heute stehen dort die „Tanzenden Türme“. Auf dem Vorplatz kann es passieren, dass man auf dem Eingang des „Mojo Club“ steht. Nur wenn der Club geöffnet ist, klappen zwei große Eingänge aus dem Boden auf. Gleich daneben gibt es noch das Panoptikum, 1879 eröffnet, im Zweiten Weltkrieg zerstört, dann wiederaufgebaut, ist es immer noch in Besitz der Familie Faerber und einen Besuch wert.
Ebenfalls am Spielbudenplatz liegen das Operettenhaus und die Theater von Corny Littmann. Theater und Musical haben St.Pauli heute auch zu einem Anziehungspunkt für deren Liebhaber dieses Genres gemacht.
Nicht zu vergessen die vielen Musikclubs wie zum Beispiel der „Grünspan“, der bereits 1899 als Tanzsalon erbaut wurde. Überhaupt ist Hamburg nicht erst seit dem „Reeperbahn Festival“ zu einem internationalen Hotspot für Bands und Musiker geworden. Allein 2019 besuchten rund 50.000 Gäste die viertägige Veranstaltung mit 600 Konzerten.
Aber es begann sicher schon mit den Beatles, die zwischen 1960 und -62 etwa 800 Auftritte hatten einschließlich der Anfänge im Indra. Clubs wie unter anderem Star Club, Top Ten oder Golden Pudel Club sind Geschichte, aber St. Pauli ist immer noch Zentrum der Musik in Hamburg.
Reeperbahn Waffenregelung - Foto: Hartmut Roderfeld

Mittendrin - Kneipen und Rotlicht

Wo ist die Grenze zwischen Kunst und Rotlicht? Mit dem Salambo von Rene Durand, endgültig geschlossen 1997, oder dem Safari von Hans-Henning Schneidereit, das nach seinem Tod 2014 nach 50 Jahren geschlossen wurde, verschwanden die letzten Live-Sex Bühnen aus St.Pauli. Diese Anblicke hat wohl das Internet übernommen. Mit den Stripshows im Dollhouse oder diversen Bars hatte das wenig zu tun.
2001 zog das Pulverfass von St.Georg nach St.Pauli und ist heute das größte Travestietheater Europas. Das alles ist natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Weniger um Sex, dafür aber um Kontakte geht es in unzähligen Kneipen und Bars. Einige wie die Ritze sind deutschlandweit bekannt. Der Boxkeller mit Kneipe, der in vielen Filmen auftaucht, ist legendär, auch wenn dort nie offizielle Wettkämpfe stattfanden, denn der Ring entspricht nicht den Regularien, er ist etwas zu klein. Die Ritze wurde aber bis 2011 von Hanne Kleine bis zu seinem Tod inhabergeführt. Diese Kneipen gibt es zwar noch oder werden „gleichartig“ weiter betrieben wie Gretel und Alfons oder der Silbersack, aber meist verschwinden sie nach dem Tod des Besitzers oder werden zu „Abfüllstationen“ für Kiezbesucher mit wechselnden Eignern. Man muss sich schon etwas auskennen, um noch die persönlichen Treffpunkte zu finden.
Einfach zu finden sind die Prostituierten, denn sie dürfen ab 20 Uhr nur auf der Westseite der Davidstraße, der Herbertstraße und um den Hans-Albers-Platz stehen. Für Ordnung sorgt das Polizeikommissariat 15, die Davidwache. Mit kaum einem Quadratkilometer Fläche betreut sie das kleinste Polizeirevier Europas. 130 Beamte arbeiten dort in Schichten, allerdings wird die Zahl an Wochenenden schon mal um eine Hundertschaft aus anderen Stadtteilen aufgestockt. 2005 erhielt sie einen Anbau für die Kriminalpolizei und die Abteilung für straßenverkehrsbehördliche Angelegenheiten. Unsicher muss man sich also nicht fühlen, nur gewisse Regeln sind zu beachten – wie überall.
St. Pauli Hinterhof - Foto: Hartmut Roderfeld

Direkt nebenan - „ruhig und „familiär“

Aber es lohnt sich auch abseits der Reeperbahn zu bummeln. Beginnen wir aus Richtung Elbe an den Landungsbrücken, Hafen pur und auch für Hamburger immer wieder schön: die Bartels-Treppe hinauf und den Fußweg „Bei der Erholung“ entlang, mit traumhaftem Blick auf den Hafen, ganz ruhig auf eine Bank setzen und alles wirken lassen.
Dann die Bernhard-Nocht-Straße: selbst bei den Hafenstraßen-Häusern (Besetzungen in den 1980er Jahren) ist es gutbürgerlich geworden. Leider ist vom Erotik Art Museum (1992 bis 2007 etwa 2 Millionen Besucher) fast nichts übriggeblieben. Seit April 2018 ist das Erotic Art Museum an neuer Stelle wiedereröffnet worden.
Dann die St.Pauli Kirche und der Antoni Platz, auch Park Fiction genannt. Auch hier gelang es Anwohnerinitiativen, die endgültige Bebauung und Schließung der letzten Freiflächen zu verhindern. Seit 2006 ist hier ein Treffpunkt unter Metallpalmen für die Anwohner, mit Blick auf die Elbe und die Werft Blohm und Voss.
Nebenan befindet sich der Hein-Köllisch-Platz. Da vergisst man die Reeperbahn, obwohl sie nur sieben Minuten Fußweg entfernt ist. Hier sitzen die Anwohner oder Insider gemütlich im Straßencafé, zum Beispiel im „Doppelschicht“, einem alten Zollhäuschen.
Und nun ein Sprung über die Reeperbahn in nördlicher Richtung zum Ende der „Großen Freiheit“. Die Paul-Roosen- / Clemens-Schulz Straße, das ist Montmartre in Hamburg: kleine Restaurants und Bars, Künstler und Boutiquen, auch wenn viel türkisch gesprochen wird. Auch hier ist abends und am Wochenende viel los, aber ein anderes Publikum, keine Junggesellenabschiede oder Flat saufen, kaum Touristen. Man kennt sich und hilft sich. So wie die St. Paulianer sich am liebsten sehen: „dörflich“. Hier gibt es das noch, auch wenn gerade hier die Gentrifizierung ihre Krallen zeigt und Spuren hinterlässt. Geld gewinnt meistens.
Geht man die Wohlwillstraße weiter nach Norden, kommt man ins Schanzenviertel – aber das ist eine andere, allerdings oft ähnliche Geschichte.

Alles über "Greets"

  • Dauer: zwei bis drei Stunden und absolut kostenlos
  • Max. 6 Leute, keine Kombination verschiedener Gruppen
  • Treffpunkt und genaue Route: nach Vereinbarung von Gast und Greeter*in
  • Anfragen: bitte spätestens zwei Wochen vor dem Wunschtermin
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